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am 13. September 2021

Gesundes Essen: 3 Gänge für bessere Lebensmittel

Stefan Kaineder - Gesundes Essen ist mehr als ein Plakat. Wir servieren ein 3-Gänge-Menü für bessere Lebensmittel.

Wer will nicht gesundes Essen auf dem Teller, gesunde Lebensmittel in Kühlschrank und Vorratskammer, für sich und seine Kinder. Natürlich wollen wir das alle. Aber Wunsch und Wirklichkeit klaffen auseinander. Noch immer landet zu oft Nahrung auf den Tischen, die diesem Idealbild nicht einmal nahekommt. Lebensmittel unklarer Herkunft, unklarer Herstellung, aus Massenproduktion, um den halben Globus transportiert, unter unwürdigen Bedingungen für Mensch und Tier erzeugt, nicht nur behandelt, sondern voller Pestizide. Das Bild runden Lebensmittel ab, die Gesundheitsbewusstsein vorgaukeln, oftmals an Kinder adressiert sind und sich als Zuckerbomben entpuppen.

Die Folgen sind stehen im Widerspruch zu Gesundheit und Wohlergehen. Immer mehr Menschen klagen über Lebensmittelunverträglichkeiten. Allergien nehmen ebenso zu wie Antibiotika-Resistenzen. Übergewicht ist schon fast Volkskrankheit und Adipositas weit unter den Kindern verbreitet. Die Folgen für jedeN einzelneN und das Gesundheitssystem sind enorm.

Die Menschen wollen gesundes Essen. Sie sind bereit zu gesunden Lebensmitteln zu greifen. Lebensmittel, die sich nicht über den Preis definieren, sondern über die Qualität. Die KonsumentInnen zu unterstützen, das Angebot auszubauen und Fehlentwicklungen zu korrigieren, liegt auch in der Verantwortung der Politik - indem sie die Rahmenbedingungen schafft und die richtigen Wege absteckt. Wir wollen diese Verantwortung übernehmen.

Dass dies nicht von allen Seiten begrüßt, oder besser von einigen bewusst missinterpretiert wird, haben die letzten Tage gezeigt. "Bio oder Gift" – eines unserer Wahlplakate hat neben Zustimmung teils hochemotionale Reaktionen ausgelöst. Eine Kampagne gegen uns hat es bis in Landwirtschaftsministerin geschafft und selbst die Ministerin zu Polemik verleitet. Dabei haben wir nur eben jene ganz legitime Frage gestellt. Was soll auf unsere Teller? Wollen wir gesundes Essen oder eines voller Pestizide? Wollen wir Produkte der regionalen Landwirtschaft, bestenfalls Bio - oder Produkte von riesigen Plantagen, wo massenhaft Gift gespritzt wird? Und die Antwort sollte eindeutig ausfallen.

Dass das Thema Ernährung großes Interesse weckt, hat uns auch unsere zweijährige Tour durch die Gasthäuser des Landes gezeigt. Der Andrang war enorm. VertreterInnen aus allen politischen Lagern, aus der Landwirtschaft und Gastronomie sind gekommen, aber natürlich auch unzählige BürgerInnen, die ebenso wissen wollen, woher unser Essen kommt. Dass es gesund sein soll, war die einhellige Meinung.

Bewusste Ernährung kennt viele Gerichte und Zutaten. Wir servieren an dieser Stelle drei Mahlzeiten und nennen diese: Das 3-Gänge Menü für gesundes Essen.

Menü-Gang 1: Eine große Portion Transparenz und Kennzeichnung

Gesundes Essen hat zwei klare Zutaten: es muss zweifelsfrei feststehen, wo es herkommt und was drinnen ist. Kennzeichnung und Transparenz auf allen Ebenen. Nur so können die KonsumentInnen eine bewusste Entscheidung für gesunde Ernährung treffen und nur so können sie mit dieser Kaufentscheidung die heimische Landwirtschaft stärken. Denn die heimischen Bäuerinnen und Bauern produzieren Produkte in hoher Qualität. Oftmals gehen die heimischen Standards über die EU-weiten Mindeststandards hinaus. Dennoch, oder gerade deswegen, steht die heimische Landwirtschaft unter Druck. Sie steht in unmittelbarer Konkurrenz zu ausländischen AnbieterInnen, die häufig mit niedrigeren Sozial-, Umwelt- und Tierwohl-Standards und daher billiger produzieren können.

Die Herkunft der Lebensmittel hat nicht nur mit teils unvertretbar langen und klimaschädlichen Transportwegen zu tun, sondern auch mit deren Pestizid-Belastung. Bei regelmäßigen Untersuchungen von Global2000 im heimischen Lebensmittelhandel waren bisher rund drei Viertel des konventionellen Frischobstes und Frischgemüses mit Pestizidrückständen über der Nachweisgrenze belastet. Vielsagend und aufschlussreich ist, dass die Produkte aus der heimischen Landwirtschaft oft weniger pestizidbelastet als die Importware sind.

Es macht schon einen Unterschied, ob ich einen Paprika aus Österreich kaufe, oder einen, der auf diesen enormen Flächen in Spanien und Holland gezogen wird, wo die Pestizidspritzen auf Hochtouren laufen. Und es macht einen Unterschied, ob ich heimisches Fleisch kaufe, oder eines aus Megaställen. Und dieser Unterschied steht auf der Herkunftskennzeichnung.

Die wichtigsten Zutaten für Menü-Gang 1

Eine Herkunftskennzeichnung auch in der Gastronomie

Ist eine Herkunftskennzeichnung im Handel für viele Produkte bereits selbstverständlich, ist sie in der Gemeinschaftsverpflegung einschließlich der Gastronomie überfällig. Die Grünen Minister Anschober und Mückstein haben im Frühjahr bereits entsprechende Verordnungen ausgearbeitet. Es fehlt jedoch die Zustimmung der ÖVP, da sich der ÖVP-Wirtschaftsbund gegen diese Transparenz in der Gastronomie sträubt. Diese Herkunftskennzeichnung in der Gastronomie muss kommen. Die KonsumentInnen haben ein Recht darauf zu wissen was sie essen. Auch im Gasthaus. Dann entscheiden sie auch entsprechend. Das zeigen sie immer öfter beim Einkauf.

Das Kaufverhalten zeigt deutlich, dass die KonsumentInnen im Supermarkt vermehrt zu biologischen und regionalen Lebensmitteln greifen. Doch gerade beim außer-Haus Konsum wird ihnen diese Entscheidungsfreiheit de facto genommen. Häufig konsumiert man dadurch eine schlechtere Qualität als zuhause. Dies zeigt sich etwa am Beispiel des Kalbfleisches.

80 Prozent des Kalbfleisches werden in Österreich außer Haus konsumiert. Gleichzeitig werden mittlerweile rund 70 Prozent des in Österreich konsumierten Kalbfleisches importiert. Aus Ländern, deren Tierwohl-, Umwelt- und Produktionsstandards weit unter jenen Österreichs liegen. Wir müssen die heimische Produktion stärken. Und das schaffen wir, in dem wir den KonsumentInnen sagen, woher ihr Fleisch am Teller kommt. Ihnen vermitteln, dass die heimische Qualität die bessere ist. Und sie werden bei ihrer Bestellung im Gasthaus ganz genau abwägen.

Die BäuerInnen würden von einer verpflichtenden Herkunftskennzeichnung in Gasthäusern und Kantinen eindeutig profitieren. Die Gastronomie müsste selbstverständlich auf Entscheidung und Wunsch der GästInnen reagieren und mehr auf heimische Produkte zurückgreifen. Und dann wäre es auch selbstverständlich, dass die Eier des Kaiserschmarrns in Bad Ischl künftig aus Attnang-Puchheim kommen und nicht mehr aus der Ukraine.

Endlich verständlichliche Nährwertangaben statt Kauderwelsch

Transparenz heißt nicht nur zu vermitteln, woher das Essen kommt, sondern auch was drin ist. Und zwar klar. Viele Nährwertangaben mögen diese Transparenz vorgeben, bieten sie aber nicht. Denn die auf verpackten Lebensmitteln verpflichtend anzugebende Nährwerttabelle nach der EU-Lebensmittel-Informationsverordnung ist für den Großteil der KonsumentInnen schwer lesbar.

„Derzeit schauen sich die KonsumentInnen diese Tabellen gar nicht an, weil sie viel zu kompliziert sind. Weil die Leute einkaufen wollen und keinen Chemie-Prüfung ablegen. Es ist also kein Wunder, dass sie dann zu Lebensmitteln greifen die zu viel Fett, Zucker und Zusatzstoffe enthalten. Aber die KonsumentInnen müssen auf den ersten Blick erkennen, woraus ein Produkt gemacht ist. Das darf keine wissenschaftliche Beschäftigung sein. Wir brauchen lesbare Symbole als Ergänzung, wie sie einigen EU-Ländern schon verwendet werden.

Denn durch einfache Nährwertangaben mit Symbolen können sich die VerbraucherInnen bewusst für gesündere Produkte entscheiden. Der französische Nutri-Score-Nährwertvergleich mit ABCDE-Farbbewertung oder das schwedische Modell mit dem grünen Schlüsselloch-Symbol zeigen dies. Eine klare Kennzeichnung könnte auch die Lebensmittelindustrie dazu bringen, Produktrezepturen zu überdenken. Dass auch sie wie die Gastronomie den Kundenwünschen folgt, ist kein Geheimnis.

Menü-Gang 2: Das besondere heimische Schmankerl aus dem Supermarktregal

Die heimischen BäuerInnen produzieren nicht nur Produkte in hoher Qualität, sondern auch ausreichend. Grundsätzlich erfreulich ist, dass dies begrüßt wird, sowohl von den KonsumentInnen als auch dem Handel. Laut einer Umfrage von SPECTRA 2020 achten mehr als 70 Prozent der ÖsterreicherInnen beim Kauf von Obst, Gemüse, Fleisch, Wurst und Eiern auf regionale Erzeugung. Rund 65 Prozent der Befragten tun dies auch bei Käse und Milchprodukten (Quelle Spectra). Das zeigt, dass die KonsumentInnen bereit sind, auf Herkunft und Qualität zu achten. Es ist hier ein Umdenken im Gange, das die Politik unterstützen muss.

Auch die Handelsketten reagieren. Sie erweitern konstant ihr Sortiment an regionalen, saisonalen und biologischen Produkten. Laut Greenpeace-Marktcheck aus 2020 stammen 88 Prozent der Artikel des Gesamtsortiments aus Österreich, 25 Prozent aus biologischer Landwirtschaft (Quelle Greenpeace). KundInnenwunsch und Handelsangebot scheinen im Gleichschritt zu sein. Einerseits möglichst gesund einzukaufen und andererseits die Erkenntnis, dass der wirtschaftliche Erfolg nicht tausende Kilometer entfernt zu holen ist, sondern auch vor der eigenen Haustür.

Zwei Fragen bleiben: Warum importiert Österreich dennoch Unmengen an Lebensmitteln aus aller Welt und wieso ringen viele heimische BäuerInnen um ihre Existenz.

Die wichtigste Zutat für Menü-Gang 2: Faire Preise für die heimischen BäuerInnen

Derzeit werden laut Statistik Austria nach Österreich Lebensmittel aus über 180 Ländern der Welt eingeführt. Darunter solche die auch bei uns wachsen - wie Getreide, Fleisch, Eier, Butter, Obst und Gemüse.

Und der Selbstversorgungsgrad ist teils sehr hoch: Bei Eiern liegt er bei 90 Prozent, bei Gemüse und Obst im Schnitt bei 55 Prozent. Lebensmittel in diesem Ausmaß einzuführen ist unnötig. Lebensmittel die oft ungleich mehr mit Pestiziden belastet sind als heimische Produkte. Wir können und selbst zu 100 Prozent mit Karotten versorgen, fast zu 100 Prozent mit Äpfeln. Ist es wirklich nötig, diese aus Neuseeland heranzukarren. Nein, ist es nicht.

Die teils dramatische Lage der heimischen Landwirtschaft hat mehrere Gründe, von der Agrarpolitik bis zur Förderpolitik. Einer der maßgeblichen ist aber auch der enorme Preisdruck auf die Landwirtschaft durch den Handel. Über den heimischen Betrieben schwebt permanent das Damoklesschwert der Billigware aus der Massenproduktion. Und den Ketten haben dieses Schwert in der Hand und drehen bei den heimischen Landwirtschaften damit an der Preisspirale.

KonsumentInnen profitieren vom Trend zur heimischen Landwirtschaft, zu gesundem Essen. Auch der Handel. Aber selbstverständlich müssen auch unsere BäuerInnen davon profitieren. Aber das tun sie derzeit nicht. Ihre Produkte gehören nicht nur vorne ins Regal, unsere BäuerInnen gehören auch für ihre Arbeit entsprechend bezahlt. Sie haben ein Anrecht auf einen fairen Preis. Denn sie sind das Rückgrat dieser prinzipiell erfreulichen Konsum-Entwicklung. Denn eines ist klar: Je weniger Bauernhöfe desto weniger Angebot an heimischen Produkten, und das kann niemand wollen.

Menü-Gang 3: Das Kinder-Dessert, gesüßt mit Verantwortung

Die verwirrenden Nährwerttabellen führen zur nächsten Problematik. Denn so unlesbar und leise diese sind, so laut sind die Werbe- und Marketing Abteilungen der Konzerne. Und sie wenden sich vor allem an die Kinder und Jugendlichen. Ist es für Erwachsene schwer feststellbar, wie gesund ein Lebensmittel ist, trifft es damit auch die Kinder, beziehungsweise gilt es für diese umso mehr. Neben offensichtlich ungesunden Produkten sind es die vermeintlich gesunden, die sich als Zuckerbomben erweisen.

Joghurts, Cerealien, spezielle Getränke und vor allem kindgerechte Verpackungen und Portionierung legen nahe, dass sie gesund sind oder an die Ernährungsbedürfnisse von Kindern angepasst sind. Doch allzu oft ist das Gegenteil der Fall, wie auch eine 2015 durchgeführte Schwerpunktaktion der Lebensmittelaufsicht Oberösterreich gezeigt hat. Die untersuchten Kinderlebensmittel waren zum Großteil stark verarbeitet, aromatisiert und enthielten viele Zusatzstoffe. Bis auf ein Getränk enthielten alle Kinderlebensmittel so große Mengen Zucker, dass sie nur gelegentlich in kleinen Portionen verzehrt werden sollten.

Sind Erwachsene mit einer Brandbreite von gesundheitlichen Folgenschäden konfrontiert, ist es bei Kindern und Jugendlichen vor allem das Übergewicht. So sind in Österreich laut COSI-Bericht der WHO 30 Prozent der Buben und 22 Prozent der Mädchen zwischen dem sechsten und dem neunten Lebensjahr übergewichtig oder adipös. Bis zum Jahr 2030 wird die Prävalenz von Übergewicht laut der WHO bei Kindern und Jugendlichen auf über 50 Prozent in allen europäischen Staaten steigen (Quelle ÖAIE).

Das ist alarmierend mit drei Rufzeichen. So können wir das nicht laufen lassen. Es ist eine enorme Belastung für die Kinder und Jugendlichen und es wird zur extremen Belastung für unser Gesundheitssystem. Die Lebensmittelindustrie muss Verantwortung übernehmen. Sie muss erstens von dieser völlig überzuckerten Produktion abgehen. Und Sie muss zweitens damit aufhören, ungesunde Produkte als gesund darzustellen. Denn eine Werbe- und Marketingmaschinerie versucht mit allen Mitteln, in schönster Aufmachung und auf allen Kanälen, diese Produkte praktisch unverzichtbar zu machen.

Die wichtigste Zutat für Menü-Gang 3: Verantwortungsbewusstsein und Umdenken der Konzerne - oder Werbebeschränkungen

Denn klarerweise hat die Industrie neben der klassischen Werbung dafür schon längst die Sozialen Medien entdeckt. Foodwatch zeichnet in ihrem Junk-fluencer Report 2021 detailliert nach, wie die Lebensmittelindustrie gezielt InfluencerInnen einsetzt, um Kinder und Jugendliche zu erreichen und für ungesundes Essen zu begeistern. Mit Hilfe der Social-Media-Stars senden die Unternehmen ihre Werbebotschaften an der elterlichen Kontrolle vorbei direkt ins Kinderzimmer oder auf die Handys der Heranwachsenden (Foodwatch).

Hier startet die Aufgabe für die Politik: Es darf keine Profitmaximierung auf dem Rücken und zu Lasten unserer Kinder geben. Wenn die Konzerne hier ihre Vorgangsweise nicht ändern, muss der Gesetzgeber hier deutlich schärfere Grenzen ziehen. Denn damit werden auch die Bemühungen der Politik um eine gesündere Ernährung der Kinder etwa an den Schulen konterkariert.

Die Stimmen für diese Beschränkung sind unüberhörbar: Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) bezeichnet Marketingbeschränkungen als "unabdingbar". Der wissenschaftliche Beirat für Agrarpolitik, Ernährung und gesundheitlichen Verbraucherschutz beim Landwirtschaftsministerium empfiehlt in einem Gutachten, dass "an Kinder gerichtete Werbung für nicht und wenig gesundheitsfördernde Lebensmittel eingeschränkt" werden soll.

Solche Einschränkungen wirken. Das zeigen die Vergleichsdaten des wissenschaftlichen Beirats im Landwirtschaftsministerium. In Ländern mit gesetzlichen Beschränkungen des Kindermarketings ist der Konsum von Junkfood im Zeitraum von 2002–2016 um 9 Prozent gesunken, während er in Ländern ohne solche Beschränkungen im gleichen Zeitraum um 14 Prozent gestiegen ist (Foodwatch).

Wenn es nicht anders geht, muss die Politik den Konzernen das Zaumzeug anlegen. Dann muss der Gesetzgeber eingreifen. Die Konzerne wollen verkaufen, das ist keine Frage und auch in Ordnung. Aber nicht auf Kosten der Kinder, nicht auf Kosten deren Gesundheit. Es geht gesünder, die Industrie ist dafür innovativ genug.

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